Geist
In meinen Bücherregalen steht Musil neben Willi Bredel, Hoffmansthal neben Erich Weinert, Kafka neben Anna Seghers. Ich glaube nicht, dass mir der Blick auf den einen den Blick auf den anderen verlegt hat. Bücherregale können einen ganz besonderen Aspekt der friedlichen Koexistenz bieten, die bekanntlicherweise die geistige Auseinandersetzung nicht ausschließt, sondern voraussetzt.
Stephan Hermlin
Äußerungen, S. 323-324.

Jedes große Kunstwerk wendet sich an alle, ob das sein Hervorbringer nun ausdrücklich sagt oder verschweigt; die Sensibilisierung, die die Aufnahme dieser Kunst erfordert, wird aber in vielen Fällen von den realen Lebensumständen selbst verhindert. Darin liegt ein qualvoller Widerspruch.
Stephan Hermlin
Lektüre, S. 242.
Geist
Strom

Es gibt keine Mauer zwischen allen möglichen Literaturen und dem, was wir sozialistische Literatur nennen: die Literatur ist ein Strom. Mit zwölf, dreizehn Jahren begannen mir bestimmte Gedanken wach zu werden und sich zu befestigen: das Leben, so wie es ist, muss verändert werden; die Kunst meint mehr, als sie vordergründig sagt. Kurz darauf fand ich in einem Gedicht Rilkes über ein Kunstwerk den Satz: Du musst dein Leben ändern. Man weiß: es ist das Kunstwerk, ein apollinischer Torso, der so spricht. Mir wurde allmählich klar, dass auch zwischen Kunst und Leben keine Wand steht: wenn man auf die Kunst hört, muss man handeln.
Stephan Hermlin
Wie ich zur Literatur kam, SuF 1971, S. 1278.

Baum

„Ich bin ein kleiner Zweig auf einem großen Baum: die deutsche Literatur”
Stephan Hermlin

Ein Bild liegt vor mir: über die sich verdunkelnden Wiesen fällt ein zerrissenes Licht aus zerrissenem Gewölk, ein Gewitter ist vorbeigezogen, und vor einem sitzt ein Mann allein auf einer Bank unter dem riesigen, dem ungeheuren Baum, der Moosbacher Linde. Der Mann wendet einem den Rücken zu. Er träumt. Über ihm träumt der Baum. Hier findest du deine Ruh. Ja. Hier.
Stephan Hermlin
Der Baum, Entscheidungen, S. 401-402.

Abendlicht

Bald aber wandelte sich das Licht. Ich war nun doch weiter nach unten gestiegen, die sinkende Sonne war hinter den Felsen verschwunden, auch das Meer war nicht mehr sichtbar, nur ein Nebenarm (…) Das Licht hatte die sanfte überwältigende Bläue angenommen, die mich in der Arena von Padua umgeben hatte, zum Horizont hin wurde es allmählich zu einem Sehnsüchtigen Rosa, über das sich eine Kette von oben weiß angestrahlten Wolken hinzog, am Boden blitzte es golden zwischen den Schatten auf, die mächtige Wipfel auf die Lichtung warfen. (…)Ich spürte den lauen Wind, ich hörte ein Flüstern, eine Stimme wiederholte: Immer, immer, immer… , vielleicht war es meine eigene, die Stille trat in mich ein, ich war ein Teil von ihr geworden.
Stephan Hermlin
Abendlicht, S. 139-140.

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